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Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät

Professur für Theaterwissenschaft – Professor Dr. Wolf-Dieter Ernst

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TuM Jubiläum

23.07.2022

Der BA Theater und Medien wird 20 Jahre - ein Grund zum Feiern! 

Dies feierten die Dozierenden und Studierenden zusammen mit über 90 Alumni, die den Weg nach Bayreuth fanden.
Auszüge aus der Festrede von Prof. Ernst:

"Liebe KollegInnen, liebe Studierende, liebe Alumni und Gäste

Aus Anlass des 20. Jubiläums, das wir hier heute feiern, möchte ich über Haltung und Hoffnung sprechen. Es ist mithin der Versuch zu verstehen und zu würdigen, an welchem Punkt der Studiengangsentwicklung wir heute sind. Das wird nicht ganz ohne Referenzen abgehen, daher trigger warning, es werden die Namen Hannah Ahrendt und Ernst Bloch fallen.

Der BA Theater und Medien, kurz TuM ist einer der innovativen Kombinationsstudiengänge, für die die Universität Bayreuth überregional bekannt ist. In den letzten 20 Jahren haben ihn rund 600 Studierende abgeschlossen. Seit 20 Jahren bereichert der BA Theater und Medien maßgeblich auch das Kulturleben auf dem Campus und in der Stadt. Als 2020 die Wagner-Festspiele wegen der Pandemie pausieren mussten, brachten Studierende des BA Theater und Medien in Zusammenarbeit mit dem Leiter des neu gegründeten Theater am Campus Daniel Schauf und dem Kulturamt der Stadt in kürzester Zeit das Programm „Bayreuth Summertime“ an den Start. Studierende haben seitdem mit stets innovativen Unternehmergeist bewiesen, dass sie Krise können.

Mit dem neuen Masterprogramm „Applied Theater. Performative Praxis und soziale Arbeit“, dass die Theaterwissenschaft der Universität Bayreuth zusammen mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Coburg einrichten wird, werden sich neue Ästhetiken und Handlungsfelder auftun. Neben dem traditionell starken Schwerpunkt Musiktheaterforschung rückt nun verstärkt das Angewandte Theater. Kurz: Wir feiern eine Erfolgsstory.

Soweit referiere ich hier die Erfolge, was sicherlich einer Laudatio, einer Geburtstagsrede angemessen ist. Um TuM zu feiern, muss allerdings auch die Haltung gewürdigt werden, die alle Beteiligten an diesem Projekt einnehmen. Denn TuM ist mehr als die Summe der Erfolge, Namen und Werke, es ist ein langer Entwicklungsprozess. Erlauben Sie mir, kurz und notgedrungen mit einem Fokus auf mein Fach, die Theaterwissenschaft, einige Passagen Revue passieren zu lassen, um das, was sich hier als Haltung entwickelt hat, zu würdigen.

Haltung entsteht aus der Erfahrungen der Unsicherheit. Da trifft es sich, dass das Profil des BA Theater und Medien, neben allen curricular verpflichtenden Anforderungen und Zielsetzungen, doch auch notwendig unbestimmbar ist. Denn das Studium von Theater und Medien erschöpft sich nicht darin, die Anforderungen eines Berufsfeldes zu erfüllen, das eh stetig im Wandel ist, noch ist es eng eingebunden in die Traditionen der Künste. TuM erbt hier die Unbestimmtheit der Kunst in der Moderne. Ästhetische Programme und Sparten entgrenzen und vernetzten sich, vom Musical über den Tanz bis hin zur Stückentwicklungen, szenischen Installationen und intermediale Settings. Deshalb ist es manchmal herausfordernd für Studierende, zwischen all den Angeboten zu wählen, oder einfach ‚das eigene Ding‘ zu machen. Jedoch nur so entsteht eine eigene Haltung.

[…]

Es wäre allerdings zu ungenau, wenn man Haltung allein mit persönlicher Stärke, Tatkraft und Entscheidungsfreude assoziieren wollte. Es reklamieren ja viele Studienprogramme für sich, Entscheider und Problemlöser für die komplexen Fragen der Zukunft auszubilden. Im BA Theater und Medien kommt hier eine Besonderheit hinzu: Entscheidungen im kollektiven Prozess innerhalb der kreativen Teams müssen nachhaltig sein, Haltungen dürfen gerne auch mal selbstreflexiv sein und womöglich korrigiert werden. Jedes Projektteam muss sich erst erfinden, seine Regeln und Haltungen aushandeln.

Die gegenseitige Unterstützung, die Krisen und mithin auch das Scheitern der gemeinsamen Arbeit an Werkstücken, Filmprojekten, Aufführungen sind vielleicht die treibenden Kräfte, die TuM zu einer einzigartigen Studienerfahrung machen. Wer in dieser Arbeit eine Haltung entwickelt und reflektiert ist gut gerüstet für die Verteilungskämpfe und Führungskrisen in den kreativen Industrien, die nicht erst sei MeToo virulent sind.

Der BA Theater und Medien kann für sich verbuchen, auf diese Problemlagen immer schon sensibel reagiert zu haben und dabei Werte wie Gemeinschaft – liebevoll die ‚Bubble‘ genannt – Solidarität, Demokratie, Gleichstellung, Schwesterlichkeit in den Vordergrund gerückt zu haben. TuM ist in diesem Sinne Avantgarde, indem es nämlich instinktiv immer eine gesunde Distanz zu einem toxischen System der Karriereoptimierung und Selbstausbeutung gehalten hat.

Jede Projektarbeit gemahnt noch an alle drei Aspekte des menschlichen Handelns, die die Philosophin Hannah Ahrendt in ihrer Vita Activa dargelegt hat:

  • Es ist handwerkliches Herstellen eines Werkstücks
  • es ist reflektierende Tätigkeit
  • und es ist politisches Handeln, da jede Probe doch auch Züge einer Agora annimmt, auf der die Gemeinschaft sich versammelt und Dinge kommunikativ aushandelt, statt stumm mit Gewalt durchzusetzen.

Wollen wir allen Sparzwängen zum Trotz hoffen, dass dieses attraktive Studienmodell in seiner Qualität und Eigensinnigkeit Bestand hat. Wollen wir konkret hoffen, dass sich die rund 100.000 € Investitionsstau im Bereich der Bühnentechnik alsbald aus einem bislang noch geheimen Topf finanzieren lassen. Wollen wir hoffen, dass wir bald einen coolen zweiten Probenraum für das Theater am Campus einrichten können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, wie es der Volksmund sagt.

Der Philosoph Ernst Bloch geht davon aus, dass dies, die Hoffnung, dem Menschen gar nicht zu nehmen ist, höchstens falsch 'ausgepinselt'. Dies gilt zumindest so lange, wie man basale Einsichten, wie diejenige unserer Sterblichkeit nicht mit Blick auf die nächste Quartalsbilanz oder die nächste Krise verdrängt. Genau daran gemahnt ja das Sprichwort, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Liebe Studierende, liebe Alumni, liebe KollegInnen. Dass heute so viele Alumni den zum Teil sehr langen Weg zu uns nach Bayreuth gefunden haben, zeigt, dass wir in der Vergangenheit einiges richtig gemacht haben und es stimmt mich hoffnungsvoll, dass wir weiterhin auf dem richtigen Weg sind.

In diesem Sinne nehme ich jetzt mal eine bekannte Haltung ein und sage „Happy Birthday TuM zu Deinem 20. Geburtstag“!

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