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Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät

Professur für Theaterwissenschaft – Professor Dr. Wolf-Dieter Ernst

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ACT-AI - Agency and Collaboration in Theatre with AI (Arbeitstitel)​

Im Unterschied zu anderen neuen Technologien ist Generative Künstliche Intelligenz (GenKI) in ihren konkreten Anwendungen zunächst offen und kontextabhängig. Ihre Funktionalität entsteht im Gebrauch. Als „zweckoffenes“ System irritiert sie dabei etablierte Vorstellungen von Autorschaft, Kreativität und Verantwortung. 

Im Theater wird GenKI etwa für Textgenerierung, Figureninteraktion oder bühnen-technologische Experimente eingesetzt. Darüber hinaus verändert sie grundlegende Arbeitsweisen, Organisationsformen und Zusammenarbeit in den darstellenden Künsten. Zugleich wirft ihre Undurchsichtigkeit Fragen nach Transparenz und Verantwortlichkeit auf. Wenn Large Language Models als scheinbar eigenständig agierende Entitäten auftreten, wird die Grenze zwischen Werkzeug und Mit-Akteur unscharf. Sprachbasierte Interfaces begünstigen anthropomorphisierende Zuschreibungen und fordern das künstlerische Selbstverständnis ebenso heraus wie traditionelle Konzepte von agency in künstlerischen Selbstverhältnissen. 

Vor diesem Hintergrund analysiert das Projekt die ästhetischen und organisatorischen Transformationen freier, transnational agierender Theaterkontexte im Zuge der Integration von GenKI. Im Zentrum steht die Frage, wie sich künstlerische Agency, Autorschaft und kollektive Produktionslogiken verschieben, wenn KI als ko-konstitutiver Mit-Akteur in Proben- und Aufführungsprozesse eingebunden wird. GenKI erscheint dabei als infrastrukturelle Bedingung künstlerischer Praxis, die Entscheidungslogiken, Kooperationsformen und Zukunftsentwürfe strukturiert. 

Methodologisch verbindet das Projekt künstlerische Forschung mit ethnografischen und diskursanalytischen Verfahren. In Kooperation mit freien Theatergruppen werden Anwendungsfälle von GenKI-Systemen in unterschiedlichen Produktionsphasen untersucht. Analysiert wird, wie algorithmische Systeme in Inszenierungsprozesse integriert werden, welche ästhetischen Dispositive aus der Mensch-Maschine-Kollaboration hervorgehen und wie Verantwortlichkeiten in hybriden Produktionsnetzwerken neu verteilt werden. 

Theoretisch ist das Projekt in der Akteur-Netzwerk-Theorie sowie in technofeministischen und posthumanistischen Ansätzen verortet. Algorithmische Systeme werden nicht als neutrale Werkzeuge, sondern als wirkmächtige Entitäten innerhalb soziotechnischer Ensembles verstanden. In diesem Sinne wird GenKI als Bestandteil einer spezifischen Technopolitik gefasst, in der technologische Arrangements selbst politische Effekte entfalten, indem sie Wahrnehmungsordnungen, Möglichkeitsräume und Formen kollektiver Imagination strukturieren. 

Ziel ist es, die durch GenKI ausgelösten Verschiebungen künstlerischer Praxis systematisch zu analysieren und theoretisch zu modellieren.  

Das Projekt entsteht in engem Austausch mit dem Kompetenzzentrum »künstlich menschlich intelligent« der Angewandten Informatik an der Universität Leipzig und wird derzeit in Kooperation mit der Universitat Autònoma de Barcelona sowie der Royal Central School of Speech and Drama in London weiterentwickelt  

Das Forschungsvorhaben richtet sich an Wissenschaftler:innen aus Theaterwissenschaft, Kultur- und Sozialwissenschaften und Digital Humanities, ebenso wie an freie Theatergruppen, Kulturinstitutionen, kulturpolitische Entscheidungsträger:innen und Förderinstitutionen, die mit den Herausforderungen und Potenzialen KI-gestützter Produktionsweisen konfrontiert sind.  

 

Ansprechpartner: Dr. Matthias Sterba 


Verantwortlich für die Redaktion: Helene Lindicke

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