Dissertation: Unabgegoltenes Spielen
Das Dissertationsprojekt entwickelt eine Theorie des Theaters als des Theaters als Spielraum, in dem „Unabgegoltenes“ erfahrbar wird. Ausgangspunkt ist die These, dass das Politische im Gegenwartstheater nicht primär über programmatische Inhalte, sondern über szenische Verfahren der Partizipation, Interaktion und kollektiven Erfahrungsbildung wirksam wird. Utopie erscheint dabei nicht als Entwurf einer zukünftigen Ordnung, sondern als immanenter Spielraum der Aufführung.
In kritischer Auseinandersetzung mit Ernst Blochs Begriff des Unabgegoltenen wird Utopie als Modus des Wahrnehmens, Denkens und Handelns untersucht, der sich in ästhetischen Formen sedimentiert und performativ reaktualisiert. Theater wird so als spezifische Erfahrung und als Praxis konturiert, die gesellschaftliche Verhältnisse nicht repräsentiert, sondern in ihrer Kontingenz erfahrbar macht und alternative Erfahrungsweisen erprobt.
Anhand exemplarischer Analysen zeitgenössischer Inszenierungen und Performanceprojekte von Gruppen wie Gob Squad, She She Pop, Turbo Pascal, Ultima Vez, Interrobang oder LIGNA wird gezeigt, wie politische Imaginationen im Spannungsfeld von Institution, Kollektivität und ästhetischer Selbstreflexion verhandelt werden. Im Zentrum stehen szenische Praktiken, die das Theater selbst – seine Produktionsbedingungen, seine Zeitlichkeit, seine Gemeinschaftsversprechen – zum Gegenstand machen.
Die Arbeit argumentiert, dass das utopische Potenzial des Theaters im tastenden Entwurf des Möglichen im Angesicht historischen Scheiterns liegt. Das „Unabgegoltene“ markiert dabei weder nostalgische Rückblicke noch optimistische Projektionen, sondern eine ästhetische Spannung, in der gesellschaftliche Hoffnungen, Brüche und Möglichkeitsräume präsent gehalten werden.
Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig und wurde durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.
Zielgruppen: Theater- und Kulturwissenschaft, Performance Studies, Ästhetische Theorie, Utopieforschung, Politische Philosophie sowie Künstler:innen und Akteur:innen der darstellenden Künste.
Publikationen
Sterba, Matthias: „Unabgegoltenes Spielen. Utopien des Politischen im zeitgenössischen Theater“. Würzburg, erscheint 2026.
Sterba, Matthias: „Beyond ideology? Critical approaches in theatre studies“. In: Satková, Naďa; Škrobánková, Klára (Hrsg.): Politics and Community Engagement in Theatre Research. Brünn, 2021.
Sterba, Matthias: „Framing Utopia“. In: Hawel, Marcus u. a. (Hrsg.): Work in Progress. Berlin, 2019.
Sterba, Matthias: „Partizipation als immanente Kritik?“. Vortrag beim 13. Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft, 2016.